Widrigkeiten

Vor ein paar Tagen zog es mich in die Hamburger Hafencity, wo derzeit die Queen Mary II – wieder einmal – vor Anker liegt. In unserem Postkarten-Sortiment ist die Queen Mary bereits zweimal vertreten, und nun war ich also unterwegs, um eine weitere interessante Perspektive auf diese Zierde der Weltmeere zu finden.

Eine Langzeitbelichtung, ein Bild, das ich sehr mag:

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Nach eingehender Sondierung der Lage vor Ort wurde klar, dass eine ansprechende Sicht auf das Schiff aus der Nähe und von schräg vorne nur möglich war, wenn ich kurzerhand – und wieder einmal (sic!) – ein abgesperrtes Baugelände direkt am Anleger enterte. An sich kein Problem, das mache ich ja fast schon gern, denn wenn es um Fotografie geht, stehen hier die Chancen gut, Bilder zu machen, die nicht jeder hat. Außerdem ist es immer auch Abenteuer. In diesem Fall allerdings hätte ich es besser mal gelassen.

Dabei fing es ganz einfach an. Nachdem ich auf der Suche nach einem Zugang ein Weile um das Gelände herumgestreunt war, fand sich an einer entlegenen Stelle ein niedriges Tor, das ich leicht überwinden konnte. Drin war ich nun also, und es nahm auch kaum jemand Notiz von mir, obwohl ich im lila T-Shirt in der prallen Sonne gut sichtbar über ein freie Fläche spazierte und mich dabei auffällig fühlte wie ein Clown. Immer schön langsam, dachte ich mir, und immer Ausschau halten nach einer guten Perspektive, während ich mich allmählich dem Wasser näherte und der Kaimauer, wo die Queen Mary vor Anker liegt und wo, auf der anderen Seite des Baugeländes, die Passagiere in Scharen eingeschifft wurden. So weit, so gut. Keine Probleme bisher, obwohl sich bisher keine Ausssicht auf ein gutes Foto zeigte. Erschwert wurden die Bedingungen dadurch, dass die Sonne fast im Zenit stand und heiß und senkrecht auf das Gelände knallte, wenn sie nicht gerade hinter dünnen, fadenscheinigen Wolken verschwand. Das Licht war also alles andere als ansprechend, entweder ohne Konturen oder schattig. Aber heiß.

An der Kaimauer angelangt musste ich feststellen, dass die Fläche dort durch einen Zaun und ein abgeschlossenes und verbarrikadiertes Tor versperrt war. Das war nun gar nicht schön, denn auf dem Kai direkt am Wasser wäre der perfekte Standort gewesen, um eine schöne Nahaufnahme von der Queen Mary  zu ergattern. Das war leider nicht möglich. Aber ich konnte mich dem Schiff diesseits des Zaunes weiter nähern. Während ich also langsam in Richtung Schiff ging, schaute ich immer wieder durch die Kamera, um einen guten Ausschnitt zu finden, und stellte dabei fest, dass ich einen höheren Standort finden musste, damit der Zaun, wenn er denn schon im Bild sein musste, dieses zumindest nicht zu sehr dominierte. Parallel zum Zaun verläuft an der Stelle eine knapp meterhohe, schmale Mauer aus senkrecht stehenden Betonplatten. Mit Rucksack und umgehängter Kamera in der einen, das Ministativ in der anderen Hand erklomm ich diese Mauer. Mühsam das Gleichgewicht haltend sah ich durch den Sucher der Kamera, dass die Perspektive von der Mauer aus halbwegs brauchbar war. Aber es war auch schon klar, dass bei dem Licht und mit dem Zaun im Bild kein wirklich gutes Foto zu machen war. Spätestens in dem Augenblick hätte ich umkehren müssen. Aber aufgeben wollte ich noch nicht, und so näherte ich mich dem Schiff noch weiter.

Während ich mit Standort und Perspektive beschäftigt war und immer wieder durch die Kamera schaute, hatte ich bereits bemerkt, dass es um mich herum laut geworden war. Nein, es war nicht das Signalhorn der Queen Mary. Es waren auch keine übellaunigen Bauarbeiter, die mich am Baukran aufhängen, in den Zementmischer stecken oder an der Planierraupe durch den Acker schleifen wollten. Kielholen wollte mich auch keiner. Nein, es waren die Möwen. Sie kreischten und zeterten, als ginge es um wer weiß was. Zuerst sah es so aus, als seien sie an der Queen Mary interessiert, an Abfällen, die dort eventuell über Bord gingen. Aber sie kreisten über dem Gelände, und je mehr ich mich am Zaun entlang dem Schiff näherte, desto lauter, kreischender, aufdringlicher und angriffslustiger wurden sie und kamen nah und näher.

Dann sah ich, was los war: einen Meter von mir entfernt, direkt an die schmale Mauer gekauert, hockten zwei Jungmöwen, weiter vorn gab es wahrscheinlich noch weitere, grau-weiß gescheckt, flauschig, unbeholfen und irgendwie zittrig, mit scheinbar aufgerissenen schwarzen Knopfaugen. Schöne Bescherung, dachte ich, ich war in das Nistrevier der Möwen eingedrungen. Das Gezeter um mich herum wurde ohrenbetäubend. Einzelne Möwen schossen im Zentimeterabstand an meinem Kopf vorbei, der mir eh schon schwirrte von all dem Lärm und der Hitze. Eile war geboten. Ich legte Rucksack und Stativ zu Boden zwischen all den Möwendreck, kletterte ein weiteres Mal auf den schmalen Mauerstreifen, hielt mehr schlecht als recht das Gleichgewicht, fand eine halbwegs passende Einstellung auf das Schiff und drückte ab, während das Getöse der Möwen anscheinend einen weiteren Höhepunkt erreichte. Jetzt nur noch weg aus der Gefahrenzone, die mir vorkam wie eine Hitchcockiade der besonderen Art. Beim Runterspringen von der Mauer musste ich mir dann auch noch den Fuß umknicken, um dann humpelnd den ungeordneten Rückzug anzutreten. Wirkliche Ruhe trat auch dann noch lange nicht ein, der Aufruhr war in vollem Gange, aber es wurde langsam merklich weniger laut und hektisch, je weiter ich mich entfernte. Möwen verfolgten mich noch, aber Menschen waren auch jetzt weit und breit nicht zu sehen. Immerhin das.

Von all dem, was mich gefühlt beinahe Kopf und Kragen hätte kosten können, habe ich mitgebracht: einen umgeknickten Fuß, einen Brummschädel wie vom Sonnenstich, einen Mordssonnenbrand, Möwenscheiße an den Schuhen, und dieses Jahrhundertfoto, auf dem immerhin auch ein paar der Killermöwen zu sehen sind, während die beiden Jungmöwen direkt unter meinen Füßen keinen Mucks von sich gaben:

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Die Moral von der Geschicht: leg es nicht auch noch drauf an, wenn du eigentlich schon weißt, das nichts draus wird. Ein Fiasko also. Später fiel mir ein, dass ich ja, nachdem die eigentliche Aufgabe komplett gescheitert war, zumindest die Jungmöwen hätte fotografieren können. Vor Ort kam mir diese Idee nicht. Vielleicht lag es daran, dass ich die Möwen eh schon derart aufgebracht hatte, dass sie Anstalten machten, auf mich loszugehen – was sie seltsamerweise nicht taten, obwohl aus ihrer Sicht von mir als Eindringling ja eine potentiell lebensbedrohliche Gefahr ausging. Unbewusst hat mich all das vielleicht davon abgehalten, hier auch noch mit der Kamera draufzuhalten, mal abgesehen davon, dass ein solches Bild an der Stelle ästhetisch nicht viel Sinn gemacht hätte. Wie ich schon sagte, das komplette Fiasko. Den Sonnenbrand kuriere ich immer noch…

Nacht auf der Baustelle

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Neulich bin ich mal wieder nachts unterwegs gewesen. Glücklicherweise musste ich nicht sehr weit laufen, um zum Objekt meiner Begierde zu gelangen: das alte Hertie-Gebäude im schönen Hamburg Barmbek. Seit ein paar Jahren leerstehend und vor sich hingammelnd, reichlich versifft und dekoriert mit allerlei Unrat und Urinlachen in den verrammelten Eingängen, wird es nun endlich abgerissen – aber nur, um einem charmanten Bürogebäude einer Versicherung Platz zu machen. Eine echte Bereicherung für den Stadtteil. Das behaupten jedenfalls diejenigen, die davon profitieren, und die Barmbeker sind das garantiert nicht.

Ich jedenfalls liebe solche alten Ruinen, weshalb sie mich auch immer wieder magisch anziehen. In ihnen lebt ein Geist, der Geist des Vergangenen und des Jetzigen, nun aber unkontrolliert von Ordnung, Struktur und menschlicher Zivilisation. Warum liebe ich diese verlassenen Relikte vergangener menschlicher Bestrebungen? Weil der städtische Lebensraum normalerweise eingenommen wird von zielgerichteten, meist kommerziel motivierten menschlichen Aktivitäten, die alle anderen Möglichkeiten der Entwicklung mit einem Schlag und von vornherein ausschließen. Wird ein Raum von den Menschen wieder verlassen, kehren die Möglichkeiten, zumindest potentiell und ideell, wieder zurück. Dieser Zustand ist spannend und seltsam sehnsüchtig vertraut.

Wie auch immer, beim Gebäude angekommen habe ich erstmal ein paar Runden drumherum gedreht, die Substanz von allen Seiten begutachtet und eruiert, was wie und von wo aus gesehen fotografisch interessant sein könnte. Gar nicht so einfach, denn ein schön hoher Zaun versperrt alles, und von außerhalb des Zauns sieht die völlig unbeleuchtete Ruine nicht sehr fotogen aus, denn gleich neben dem Gelände liegt der Barmbeker S-Bahnhof, der hell erleuchtet alles überstrahlt, sodass von der morbiden Atmosphäre hinter dem Zaun nicht viel übrigbleibt.

Also lautet ein Beschluss, dass der Mensch was wagen muss (frei nach Wilhelm Busch). Nach einigen weiteren Recherchen fand ich eine Stelle, die einen einigermaßen unkomplizierten Zugang ermöglichte. Auf dem Gelände angekommen (ich war nun illegal in ein abgesperrtes Gelände eingedrungen) musste ich dann allerdings eine relativ große freie Fläche überqueren, um zu einer fotografisch interessanten Stelle zu gelangen. Nun wurde es ein wenig heikel, denn der oben erwähnte, gleich nebenan liegende S-Bahnhof war um diese Zeit noch recht belebt, und eine Menge Leute wartete an den Bushaltestellen, mit freiem Blick auf die Fläche, die ich gerade überqueren wollte. Gleich neben dem Zaun standen auch noch ein paar Busse in Wartestellung, mitsamt Fahrern, die auch wunderbar sehen konnten, was sich auf der Baustelle tat.

Ich hockte dort also mit Sack und Pack und Stativ in einem Gebüsch in Deckung und überlegte, was zu tun war. Die Frage war, hocken bleiben und warten, bis die Luft einigermaßen rein war, was lange dauern konnte, oder gleich los über die leidlich beleuchtete freie Fläche und hinüber hinter einen großen Steinhaufen, wo ich wieder einigermaßen in Deckung war. Die Entscheidung wurde mir abgenommen, denn ich sah, wie der Mond hinter den schnell ziehenden Wolken hervorkam. Ein kurzer Blick zum westlichen Himmel, und mir war klar, dass die nächste riesige Wolkenbank schnell heranzog. Mir blieben höchstens knapp zehn Minuten, um das Mondlicht auszunutzen. Zehn Minuten sind nicht viel Zeit, wenn man einige Langzeitbelichtungen plant.

Einmal tief durchatmen, ein Blick hinüber zu den Busfahrern, zu den Haltestellen, und dann los, aber nicht zu hektisch. Ich bin dann in aller scheinbaren Seelenruhe über den Acker spaziert. Rennen hätte ziemlich sicher fatal geendet, denn so ein über die Baustelle sprintender Kerl bei Nacht wirft zumindest ein paar Fragen auf. Gerade, als ich fast beim Steinhaufen angekommen war, sehe ich zwei Dinge: der eine Busfahrer blättert die Seite der Zeitung um, in der er gerade liest, und schaut von seinem Fahrersitz genau in diesem Augenblick zu mir herüber – und ein kleiner Junge an der Bushaltestelle, an der Hand seiner Mutter, zeigt in meine Richtung und ruft irgendwas, das ich nicht verstehe. Im nächsten Augenblick bin ich hinter dem Steinhaufen in der Dunkelheit verschwunden. Verdammt! Dieser elende kleine Mistkerl. Und was ist mit dem Busfahrer? Diese Leute haben doch ein geradezu beamtetes Pflichtbewusstsein. Erlebt habe ich das schon, als ich auf einem alten Bahngelände unterwegs war, und der Führer eines vorbeifahrenden Zuges doch tatsächlich die Polente alarmiert hat…

Nichts rührt sich. Kann noch kommen. Schnell also das Stativ aufgebaut, die Kamera ausgerichtet und bei der Dunkelheit – Mondlicht hilft da nicht viel – scharfgestellt, Blende und Verschluss gewählt und belichtet. Es stellte sich heraus, dass ich 40 Sekunden Belichtung benötigte. Während dieser 40 Sekunden horcht man in die Dunkelheit, ob nicht doch noch jemand kommt. Aber da war nichts, kein Knirschen von Schuhen auf Bauschutt, keine Taschenlampen, keine Rufe… Meine Paranoia geht wohl mit mir durch. Wen interessiert schon irgendein Kerl auf einer Baustelle? Die große Woge großstädtischer Gleichgültigkeit geht darüber hinweg wie graue Farbe über ein Grafitti.

Oder doch nicht? Gerade habe ich die dritte und letzte Belichtung beendet, da fällt mein Blick auf die Mietskaserne am unteren Ende der Baustelle, gleich hinter der freien Fläche und dem Zaun. Am Fenster im zweiten Stock steht jemand und schaut herüber. Im Hintergrund flimmert der Fernseher. Er rührt sich nicht, starrt. Im Gefühl, eine Atmosphäre mit der Kamera eingefangen zu haben, lasse ich ihn starren. Ich packe langsam meine Sachen, nehme die Kamera vom Stativ, verstaue sie in der Tasche, schultere das Stativ und trete den geordneten Rückzug an.

Das Hinaustreten ins Licht der freien Fläche war dann zwar nicht wirklich schön, aber eine heitere Ruhe ergriff plötzlich Besitz von mir. Mit einem Mal war es mir gänzlich egal. Die Busse waren weg, die Haltestellen fast leer, Stille senkte sich herab. Im Augenwinkel sah ich den Menschen reglos am Fenster. Beinahe hätte ich ihm zugewinkt. Dann übers Geländer, von wo ich gekommen war, durch die Lücke im Zaun, und draußen war ich, zufrieden mit mir und hungrig. Der Himmel war zugezogen, vom Mond keine Spur, nur ein Rest fahlen Lichtes, ähnlich dem des Fernsehers dort oben im Fenster, dessen Flimmern nun allein das Fenster ausfüllte, denn der Mensch war verschwunden. So wie ich.

Tagtraum

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Vor einigen Wochen kam ich mit dem Auto an einer sehr belebten großen Kreuzung im Norden Hamburgs vorbei. Während ich an der roten Ampel warten musste, sah ich rechts von mir eine Brachfläche, auf der kürzlich einige alte Gebäude abgerissen worden waren. Ich weiß das, denn ich wohne in der Nähe und hatte schon vorher mein Augenmerk auf dieses Gelände geworfen. Brachflächen reizen mich. Sie reizen mich nicht nur fotografisch, sondern, wenn man so will, auch geradezu kindlich-emotional, denn dort hat sich das, was wir leicht überheblich Zivilisation nennen, vorübergehend zurückgezogen, die Ordnung ist aufgehoben. Ordnung ist der natürliche Feind der Phantasie, was der Grund dafür sein mag, dass Kinder die Ordnung nicht sonderlich schätzen, denn sie steht der Phantasie im Wege. Dort, wo die Ordnung aufgehoben ist, auf Brachflächen beispielsweise, spürt man die Atmosphäre des Verfalls, der Vergänglichkeit, des Ungewöhnlichen und Unerwarteten, und nicht selten erobert die Natur sich diesen Flecken Erde zurück, was ihm einen zusätzlichen Reiz verleiht. Man kann dort Dinge entdecken, aber auch verlieren.

Auf diesem Flecken Erde, den ich von jener roten Ampel aus betrachtete, standen keine Gebäude mehr (ursprünglich hatte ich es auf die Gebäude abgesehen, aber dazu kam ich nun zu spät), sondern nur noch ein paar schrottreife alte Autos, denen man von weitem ihren desolaten Zustand ansah. Ich beschloss, noch am selben Tag dorthin zurückzukehren und mich ein wenig umzusehen, mit der Kamera selbstverständlich.

Brachflächen gehören meist irgendjemandem, und üblicherweise sind sie durch Zäune oder Mauern versperrt. Darin besteht schon ein besonderer Reiz, denn diese wollen überwunden werden, um ins Reich der Phantasie zu gelangen. Bei diesem Gelände hatte ich leichtes Spiel, denn ein großes Loch klaffte im Zaun gleich neben der Bushaltestelle. Ich musste lediglich warten, bis der nächste Bus die paar Leute von der Haltestelle aufgelesen hatte. Dann konnte ich hinein.

Ich schaute mich in Ruhe um und fotografierte. Einiges davon ist im Bildarchiv im Bereich Spektrum zu sehen. Es lag jede Menge Zeug herum, alte Reifen, irgendwelche Dosen und Kisten, Felgen, Glas, aufgeplatzte Sitzpolster, verrostete Wagenheber, Dichtungsgummi, herausgerissene Kassettenradios, uralt. In den Autos alte Zeitungen, Glassplitter, ein Buch: The Book of Prayer (auch im Bildarchiv zu bewundern), in einem Lieferwagen alte Lieferscheine und Fahrtenbücher, alles ziemlich vermodert und verschimmelt. Es war einer der letzten warmen Tage des Jahres, und Wespen schwirrten in Mengen herum, vor allem in der Nähe der zerbeulten Karosserien, wo es wärmer war. Die Wespen umschwirrten mich, wenn ich mich den Autos näherte und störten beim Fotografieren. Mit einem Wort: es war herrlich.

Dann, wie aus dem Nichts und zu meinem nicht geringen Schrecken, kamen drei oder vier Afrikaner auf das Gelände gestürmt, nahmen Position gegen mich und fragten aufgeregt, wer ich sei und was ich auf dem Gelände zu suchen habe. Es gab eine Menge Hin und Her, weil die Autos wohl erst in der Nacht zuvor von irgendwelchen Hooligans demoliert worden waren, und man hatte angenommen, ich habe etwas damit zu tun. Ich erklärte mein Anliegen, wobei ich es vermied, über Brachflächen und kindliche Phantasie zu dozieren. Die Wogen glätteten sich, und es stellte sich heraus, dass einer der Afrikaner der Besitzer der demolierten Autos war und nun die Absicht hatte, diese Wracks nach und nach wegzuschaffen, und zwar letztlich nach Afrika, wo für solche Schrotthaufen offenbar noch Geld bezahlt wird. “Die Leute dort haben wenig Geld, aber Zeit haben sie, diese Kisten wieder herzurichten.”.

Ich erhielt den afrikanischen Segen, mit meinen fotografischen Experimenten fortzufahren. Das Bild oben stammt von ebendort. Es ist ein alter Jeep Cherokee. Die Wespen rückten mir bedrohlich auf die Pelle, als ich ihn fotografierte. Das Auto war komplett demoliert, aber ehemals wohl ganz schick gewesen, mit Holzlenkrad, Ledersitzen und kompletter Sonderausstattung, wie die Amis es lieben. Es war nicht viel davon übrig, und die Windschutzscheibe war wohl mit dem Baseballschläger eingeschlagen worden. Ich fotografierte durch die Seitenscheibe, und das zerborstene Glas, zusammen mit der Spiegelung des Himmels und dem angedeuteten Grünzeug im Hintergrund erzeugt eine fast schon mystische Stimmung von verwunschenem, verstecktem Paradies für Phantasten, die nicht aufgehört haben, Kind zu sein und Orte zu suchen, wo die Ordnung nicht gilt und wo in gleißender Sonne die Träume blühen.

Zwei Tage später waren die Autowracks verschwunden. Bagger rückten an, hohe Zäune wurden errichtet, die Fläche umgepflügt. Jetzt ist dort eine große Baustelle, irgendetwas der Zivilisation Dienliches wird errichtet, die Ordnung und die Langeweile kehren wieder ein. Die Phantasie ist verschwunden. Ich war gerade noch rechtzeitig gekommen.

Wüste?

Dune

Das Bildarchiv enthält eine Menge Bildmaterial, und von Zeit zu Zeit entdecke ich Bilder darin, die ich eine Weile nicht gesehen habe, die vor langer Zeit entstanden sind. Es ist manchmal erstaunlich, aus heutiger Perspektive zu sehen, was ich damals fotografisch interessant fand, und zu ergründen, wie oder warum ich etwas fotografiert habe. Ich werde auch immer wieder gefragt, wie und wo bestimmte Bilder entstanden sind. Hier im Blog kann gern über die Kommentare angefragt werden, ich kann dann evtl. etwas dazu schreiben.

Ich werde in diesem Blog versuchen, einiges zu meiner fotografischen Arbeit zu sagen, was aus den Bildern allein nicht so leicht ersichtlich ist. Im Bildarchiv und im Shop gibt es wenig Raum, zu den Bildern entsprechende Kommentare einzustellen. Dieser Blog ist der perfekte Ort, die Lücke zu füllen. Kommentare sind willkommen.

Anfangen werde ich mit dem Bild, das du oben siehst:  ‘Dune’ . Im Archiv ist es unter dem Namen Szenerie 49 abgelegt. Es ist im Januar 2005 nicht etwa in der Wüste Gobi, sondern mitten in Hamburg entstanden, genauer gesagt nicht wirklich mitten in Hamburg, sondern in Boberg in den dortigen Heidegründen.

Etwas trostlos? Würd ich nicht sagen. Ich mag es. Es ist eine Fußspur zu sehen, die im Nirgendwo endet – oder beginnt, ganz wie man möchte, als wäre der einsame Wandersmann abrupt stehengeblieben und dann abgehoben, um in höhere Sphären zu entfleuchen. Die Spuren passen hier gut, denn dieser Blog beginnt gerade, und niemand weiß, wohin die Reise überhaupt gehen soll. Hinzu kommt, dass die Fußspuren vom Wind leicht verwischt wurden, genau wie der Weg, auf dem ich anscheinend gerade gehe. Alles ist neu, ungewiss, nicht klar zu überschauen, das Ziel nicht in Sicht.

Ich war damals mit Klaus von Hollen unterwegs, einem Freund und sehr talentierten Fotografen, mit dem ich die Vorliebe für die klare Formensprache und die Abstraktion vom Alltäglichen teile. Wir hatten damals beide erst begonnen, mit digitaler Fotografie zu experimentieren, er mit seiner Nikon D100, ich mit der Canon D60, einer der ersten digitalen SLRs überhaupt. Zum Einsatz kam das Weitwinkelzoom Sigma 15-30, das sicherlich nicht zu den Spitzenobjektiven zählt, das aber durchaus anständige Resultate liefert. Aber das Auge des Fotografen auf das Motiv ist der wichtigere Aspekt, erst an zweiter Stelle kommt die Güte des Objektivs, und dann erst die Kamera und ihre Ausstattung. Eine dynamische Kniebeuge an der richtigen Stelle, und schon wird der wellige Boden, der von oben gesehen nicht sehr spannend wirkt, zum prägenden Bildelement. Die Schatten in den welligen Vertiefungen liefern die Kontraste, und die Textur, die sich in der Ferne verliert, sorgt hier für Tiefe. Am besten gefallen mir aber die weichgeschliffenen Fußspuren, die zu etwas skulpturhaft Eigenem, Fließendem werden, und gleichzeitig Vergehendes symbolisieren.

Übrigens ist Szenerie 50 in Szenerie am selben Tag am selben Ort entstanden, gleich nebendran, und doch so anders..